Sehens-Wert

Der Tod von Chika Kapadia – die Sicht einer Freundin

von Shonali Bose*, Indien November 2024
Als mein Freund Chika Kapadia, den ich seit 25 Jahren kenne, mir die Nachricht überbrachte, dass er nur noch vier Monate zu leben habe und ich zu seiner Abschiedsparty nach Zürich kommen solle, war ich am Boden zerstört und fassungslos.

Er hatte erst 48 Stunden zuvor erfahren, dass er im Endstadium seiner Erkrankung war, und als er hörte, dass sein Ende schmerzhaft sein würde, fragte er seinen Arzt, ob es einen Ausweg gäbe. Der Arzt flüsterte «Zürich», bevor er den Hörer auflegte. Er weigerte sich, etwas über einen würdevollen Tod zu sagen, da dies angeblich gegen seinen hippokratischen Eid verstosse. Doch er gab einen Hinweis. Chika googelte sofort nach «Zürich» und «Sterben» und stiess auf «DIGNITAS – Menschenwürdig leben – Menschenwürdig sterben». Und er entschied sich für diese würdevolle und friedliche Art, rasch zu sterben. Weder er noch ich hatten je von dieser Wahlmöglichkeit und diesem Weg gehört, der jedem Bürger der Welt offensteht. Wir waren überwältigt.

Vier Monate später, im August 2022, kamen wir zu seiner «Abschiedsparty», wie er sie nannte. Zwei Tage vor meiner Abreise nach Zürich rief mich Chika in Bombay an und äusserte einen letzten Wunsch: Ob ich seinen Tod filmen würde? Ich sagte natürlich ja. Ich würde alles tun, was er wollte. Er fragte mich, weil ich Filmemacherin bin, und er wusste auch, dass mir das Thema Tod nicht unangenehm ist und ich nach dem Verlust meines Sohnes im Teenageralter sehr gut damit zurechtkomme.

Es gab zwar schon einige Filme über diesen Weg, doch keinen mit einem Inder. Chika wollte, dass sein Tod einen Diskurs über das Recht auf ein Sterben in Würde eröffnet. Die erste Reaktion von DIGNITAS war, uns die Drehgenehmigung zu verweigern. Doch Chika und ich gaben nicht auf. Als ich ankam, trafen wir das DIGNITAS-Team und setzten uns erneut mit Überzeugung für unseren Film ein. Das Team nahm sich ein paar Tage Zeit, um intern darüber zu diskutieren und kam mit einem JA zurück! Wir waren überglücklich. Man hätte nicht gedacht, dass Chika schon sehr bald sterben würde – so glücklich waren wir darüber. Bei diesem Film haben wir zu zweit Regie geführt: Nilesh Maniyar, mein kreativer Partner und auch er ein Freund von Chika, und ich. Da die Idee in letzter Minute aufkam, konnte Nilesh kein Visum mehr für die Schweiz bekommen. Ich schickte ihm jeweils das Filmmaterial, und er führte aus der Ferne Regie. Das gab ihm Perspektive und Objektivität, während ich mitten im emotionalen Sturm bis zum gewählten Sterbe-Zeitpunkt gefangen war. Das Gefühl, dass die Zeit abläuft, fühlte sich schwer und bedrückend an. Nilesh entschied, dass der Film besser als Geschichte einer Freundschaft funktionieren würde, und bat mich, die Kamera auch auf mich selbst zu richten und zu dokumentieren, was ich durchmachte.

Der Film – «A Fly on the Wall»* – hatte kürzlich seine Weltpremiere auf dem Busan Film Festival in Südkorea. Er ist eine Geschichte über Freundschaft und über das Recht, in Würde zu sterben. Die entscheidende Szene des Films ist tatsächlich die letzte, die Sterbeszene. Und dafür hat Chika in seinen letzten zwei Wochen hart gekämpft. Er war der festen Überzeugung, dass der Anblick dieser Szene den Menschen die Schönheit und Einfachheit, die Würde und den Frieden einer ärztlich unterstützten, begleiteten Lebensbeendigung vor Augen führen würde. Wir betraten das Haus von DIGNITAS, in dem die Begleitungen stattfinden. Wir lachten, wir scherzten, wir hörten Musik. Chika stand am Fischteich und war einige Augenblicke allein. Als er bereit war, trank er das tödliche Medikament. Wir wussten, und es wurde uns auch nochmals gesagt, dass er bis zu diesem Zeitpunkt nein sagen konnte. Wir wussten, dass
Menschen manchmal ihre Meinung in letzter Minute ändern.

Ich glaube, dass der Film als Vermächtnis Chika geholfen hat, seine Entscheidung durchzuziehen. Es war fast so, als würde er seinen Tod spielen. In den letzten zwei Minuten, bevor er die Augen schloss, drehte er sich zur Kamera und rezitierte Robert Frosts «Stopping by Woods on a Snowy Evening». Die letzten beiden Zeilen lauten: «The woods are lovely dark and deep; but I have promises to keep and miles to go before I sleep.»** Danach legte er seinen Kopf auf die Couch, auf der er sehr würdevoll sass, und schloss sanft die Augen. Und das war’s. Die Reaktion des Publikums auf diesen Film war überwältigend und herzerwärmend. Genau das, was Chika wollte, und noch viel mehr. Womit keiner von uns – weder Nilesh noch Chika noch ich selbst – gerechnet hatte, war, dass so viele junge Menschen den Film sehen würden und dass er ihnen ein Gefühl von Leichtigkeit und Frieden im Umgang mit Tod und Verlust vermitteln würde. Die Präsidentin der «Korea Association of Right to Die» (KARD) in Seoul reiste vier Stunden mit dem Zug an, um den Film zu sehen, und konnte keine Eintrittskarte bekommen, da er ausverkauft war. Wir überliessen ihr unsere Plätze und waren sehr gespannt, wie sie als Aktivistin reagieren würde. Sie liebte den Film und sagte, sie hoffe, dass er öffentlich verfügbar wird, da er ihren bevorstehenden Kampf im Parlament für ein Sterbehilfegesetz unterstützen würde.

Ich bin dem DIGNITAS-Team zutiefst dankbar, dass es meinem Freund seinen letzten Wunsch erfüllt und ihm die Möglichkeit gegeben hat, mit seinem eigenen Tod ein Vermächtnis zu einem Thema zu schaffen, das für jeden einzelnen Menschen so wichtig ist.


*«A Fly on the Wall» wird derzeit an verschiedenen Filmfestivals weltweit gezeigt und ist anschliessend auf einer Onlineplattform verfügbar; Kontakt: shonalibose@hotmail.com
** «Der Wald lockt tief und dunkel nun –
Doch ich hab‘ noch mein Teil zu tun
Und weit zu wandern bis zum Ruh’n,
Und weit zu wandern bis zum Ruh’n.»
(Deutsche Übersetzung von Walter A. Aue)




Wie bereiten wir die Inhalte hier auf? Im Folgenden jene von der bestehenden Website: http://dignitas.ch/index.php?option=com_content&view=article&id=53&Itemid=87&lang=de

A Fly on the Wall

Der Film «A Fly on the Wall» der indischen Regisseurin Shonali Bose ist eine Geschichte über Freundschaft und über das Recht, in Würde zu sterben. Er hatte seine Weltpremiere auf dem Busan Film Festival 2024 in Südkorea.

Link zum offiziellen Trailer

«Der Tod von Chika Kapadia – die Sicht einer Freundin»
Artikel von Shonali Bose für den DIGNITAS Newsletter vom November 2024.


Letzte Worte
Das Recht auf den selbstbestimmten Tod

Ein Sprechzimmer in einem Krankenhaus in Belgien. Ein Arzt empfängt Patienten: Männer und Frauen, die oft von einem Angehörigen begleitet werden. Die meisten von ihnen sind schwer krank und wissen das auch. In der geschützten Umgebung dieser einzigartigen Konsultation bauen sie mit dem Arzt ihr eigenes Szenario für das Lebensende auf. Ein Film über das Leben und den Humanismus.

Link zum Film auf der Webseite von ARTE


Was mir Angst macht, das schiebe ich nicht weg

Theresa Donath pflegt Menschen, die unheilbar krank sind. Sie lindert ihre Schmerzen und Symptome und bietet ihnen seelischen Beistand. Damit versucht sie, ihren Patientinnen und Patienten ein so angenehmes Leben wie möglich zu bereiten, bevor sie sterben.
Wie geht sie damit um, täglich mit dem Tod konfrontiert zu werden?
Was denkt sie über Sterbehilfe?
Und wie möchte sie selbst einmal sterben?

Ab 21:24 erläutert sie, wie Palliativpflege und assistierter Suizid zusammen und suizidpräventiv wirken.

Link zum Job-Podcast „Und was machst du so?“ von «bento»


Paragraph 217: Das Urteil über das Recht am eigenen Tod

Dieser Bericht von Dilan Gropengiesser auf ZEIT ONLINE zeigt die enge Verflechtung von katholischer Kirche und deutscher Poltik, welche am 10. Dezember 2015 zu § 217 Strafgesetzbuch führte, womit professionelle Suizidhilfe und umfassende Beratung, auch durch Ärzte, in Deutschland verunmöglicht wurde.

Link zur Webseite von ZEIT ONLINE


Streitfall Sterbehilfe

Ein Film von Erika Fehse. WDR Doku, 24. Oktober 2019.

Hilfe zum Suizid – das wünschen sich einige Schwerstkranke, die ihr Leid nicht mehr ertragen können. Doch seit 2015 der Paragraph 217 verabschiedet wurde, ist «geschäftsmäßige» (wiederholte) «Förderung der Selbsttötung» strafbar. Welche Folgen hat das Gesetz für unheilbar Kranke, aber auch für Ärzte? Ärzte, Schwerstkranke und Sterbehilfevereine haben beim Bundesverfassungsgericht Beschwerden gegen § 217 eingereicht.

Link zum Film auf dem Videoportal Youtube

Link zu Informationen auf der Webseite von Erika Fehse


Über mein Ende will ich selbst entscheiden

Sendung «Menschen hautnah», ausgestrahlt 21. März 2019 im WDR.

Jürgen (50) ist nach einem Hirnstamminfarkt komplett gelähmt. Es geschah von einer Sekunde auf die andere. Auch Harald (48) braucht rund um die Uhr Betreuung. Er leidet unter Multipler Sklerose. Die Krankheit verlief in Schüben, heute ist er bis zum Hals gelähmt. Wenn Harald und Jürgen ihr Leben nicht mehr ertragen können, wollen sie die Freiheit haben, es zu beenden.

Link zum Film auf der Webseite des WDR

Link zum Film auf dem Videoportal Youtube


Die letzte Reise
Fernsehfilm, ARD – ThemenAbend im Ersten «Selbstbestimmtes Sterben», 2.10.2017

Link zum Film


Frau S. will sterben
Dokumentarfilm, ARD – ThemenAbend im Ersten «Selbstbestimmtes Sterben», 2.10.2017

Link zur Dokumentarfilm


«Unsere Freiheitsrechte sind nicht verhandelbar», sagte der Basler Autor Claude Cueni, der an Leukämie erkrankt und schreibend auf den Tod wartete in «Selbstmitleid ist Zeitverschwendung». Doch Cueni starb nicht, sondern schrieb weitere Romane.

Link zum Film von SRF «Reporter»


DIGNITAS Aufklärungskampagne zur Suizidversuchsprävention und Sterbehilfe
«Jahr für Jahr in Deutschland», 16.September 2015

Link zum Video


Todkranke fordern Recht auf Freitod
Sendung «Kontraste», Das Magazin aus Berlin, 30. Juli 2015

Link zur Berichterstattung


Organisierte Suizidhilfe in Deutschland

Podiumsdiskussion vom 3. Juni 2015 in Berlin

Teilnehmer:
Erwin Kress, Humanistischer Verband Deutschland
Roger Kusch, Sterbehilfe Deutschland e.V.
Ludwig A. Minelli, DIGNITAS
Petra Sitte, Mitglied des Bundestages
Karl Lauterbach, Mitglied des Bundestages
Gita Neumann, Humanistischer Verband Deutschland

Link zu Bericht und Videoaufnahme


Kostenpauschalen für Sterbende in Deutschland
Sendung «Report München» vom 12. Februar 2013

Sterbende sind oft auf die Hilfe von Palliativmedizinern angewiesen. Doch selbst dafür gibt es jetzt sogenannte verpflichtende Fallpauschalen. Ärzte und Patienten sind erzürnt. Zurecht. Dieser Beitrag zeigt die Verlogenheit der deutschen Politiker, welche mit dem Argument der stets verfügbaren Palliativbehandlung gegen Sterbehilfe kämpfen – während die Realität ganz anders aussieht.

Kommentar von Elke Baezner, Präsidentin der DGHS
Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben e. V.
(Link)

Das Video zur Sendung ist leider nicht mehr verfügbar


Organisierte Sterbehilfe: Segen für Leidende oder tödlicher Kommerz?

Tacheles – Talk am roten Tisch. Talkshow veranstaltet von der Evangelischen Radio- und Fernsehkirche im Norddeutschen Rundfunk NDR

Die Talkshow auf Phoenix TV – Link zum Videoportal YouTube

Teilnehmer:
Nikolaus Schneider, Präses, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland
Ludwig A. Minelli, Rechtsanwalt, Generalsekretär DIGNITAS
Bernd Busemann, niedersächsischer Justizminister
Walter Fesenbeckh, evangelisch-reformierter Pfarrer, Freitodbegleiter bei Exit (Deutsche Schweiz)

Moderation:
Jan Dieckmann, Pastor


Sie bringen den Tod – Sterbehelfer in Deutschland

Sendung des ARD / Das Erste vom 19. November 2012

Es gibt Ärzte, die Schwerkranke nicht nur lange betreuen, sondern ihnen auch helfen, selbstbestimmt ihr Leiden zu beenden. Die Patienten sind ihnen dafür dankbar. Doch der Präsident der Bundesärztekammer verweigert ihnen diese ärztliche Unterstützung am Lebensende.

Link zum Videoportal Youtube


Mein Tod gehört mir

Ein Dokumentarfilm von Sebastian Bösel und Thomas Michel

Link zum Videoportal Youtube

Wie frei dürfen Menschen über ihren Tod entscheiden? Im Zentrum des Films: die Geschichte von Johann B. Die Autoren begleiten den schwer kranken Mann in den letzten Wochen seines Lebens. Auch in die Schweiz.


Sterbehilfe – Ein Ende in Würde?

Sendung des WDR, Quarks & Co, vom 18. Oktober 2011

Ranga Yogeshwar spricht mit Elke Gloor über Sterbehilfe. Sie beendete die künstliche Ernährung ihrer Mutter mit einer Schere. Aber was ist bei der Sterbehilfe erlaubt? Und: Wer kann diese schwere Entscheidung treffen?

Link zur Mediathek des ARD


Dignitas – la mort sur ordonnance» (Dignitas – Tod auf Verschreibung)

Dokumentarfilm des Westschweizer Fernsehens RTS / Temps Présent über die Reise der französischen Autorin Michèle Causse zur Freitodbegleitung bei DIGNITAS (in Originalton französisch)

Link zum Videoportal des TSR

Der Film erhielt einen internationalen Preis, den «Prix du Documentaire» am Europäischen Festival des Journalismus in Lille, Frankreich www.festivalscoop.com link «Palmarès»


Choosing To Die

Dokumentarfilm des britischen Autors Sir Terry Pratchett über das Recht, seinem eigenen Leben ein Ende zu setzen (in Originalton englisch)

Link zum Videoportal von Top Documentary Films


Right to Die? / The Suicide Tourist

Oscar®-Preisträger John Zaritskys einfühlsamer Dokumentarfilm über die Freiheit und das Recht, Zeit und Ort des eigenen Lebensendes selbst zu wählen

gekürzte TV-Version, Link zum Videoportal Youtube

Interview mit John Zaritsky und Ausschnitte aus dem Film


This is the End – Dokumentarfilme

Eine Internetseite unserer niederländischen Kollegen von der Organisation NVVE – Nederlandse Vereniging voor een Vrijwillig Levenseinde, mit einer grossen Sammlung von Dokumentarfilmen aus aller Welt (Link)


Suicidio Assistito

Dokumentarfilm von Current TV und Edoardo Anselmi; mit Mina und Piergiorgio Welby, Emilio Coveri von EXIT-Italia, Robert Dawson, Ludwig A. Minelli von DIGNITAS, usw. (in Originalton italienisch)

Link zum Videoportal von sky.it


A short stay in Switzerland

Spielfilm inspiriert vom Leben und Sterben von Dr. Anne Turner, produziert vom BBC (in Originalton englisch)

Links zum Videoportal YouTube:

Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4 | Teil 5 | Teil 6 | Teil 7 | Teil 8 | Teil 9


Is Suicide a Right? – Simon Critchley

Simon Critchley, Professor der Philosophie an der The New School in New York, über das Recht auf den Freitod (in Originalton englisch)

Link zum Film auf dem Videoportal YouTube


Terry Pratchett on assisted dying

Der britische Autor Sir Terry Pratchett spricht vor der British Humanist Association über Sterbehilfe (in Originalton englisch)

Link zum Film auf dem Videoportal YouTube


Harold and Maude

Ein Film über die Liebe, das Leben und den Tod. Nach dem Drehbuch und Roman von Colin Higgins, 1971.

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